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Gelöschte Geschichten: Ekelhafte Nazi-Eltern!

Nicht wenige Geschichten, die mir Schulsekretärinnen, Lehrer und Rektoren während der Arbeit an „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“ erzählten, schafften es letztendlich auch in das Buch. Manche aus mehr, andere vielleicht aus weniger nachvollziehbaren Gründen.

Kapitel 78, „Braune Scheiße“, war ein Diskussionspunkt. Letztendlich entschieden meine Lektorinnen und ich uns, diese Episode aus dem Manuskript zu werfen. Weil sie den heiteren Grundton nicht traf, den wir für das Buch vorgesehen hatten. Und das ist maßlos untertrieben, wobei ausdrücklich betont sei, dass leider auch Rassismus, Gewalt und Hass zum Schulalltag gehören. In Ost und West!

Schule ist nicht nur niedlich

Nicht überall ist Schule, und damit das Tagesgeschäft im Sekretariat, nur „niedlich“.

Gestern kam mir der Nazi-Vater, der übrigens weder im Ostdeutschland, noch im tiefsten Bayern zuhause ist, wieder in den Sinn. Aus aktueller Relevanz möchte ich seine gelöschte Geschichte gleich mit euch teilen.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, weitere Episoden, die von Abschiebung oder Gewalt an Kindern handeln, nach und nach hier zu veröffentlichen. Derzeit spukt mir allerdings noch immer die braune Scheiße im Kopf herum…

Kuscheln mit Beklemmungen

Wir lagen auf dem Sofa und sahen uns eine Nachrichtensendung an. Schließlich sah er mir in die Augen: „Schlimm, wie sich unsere Land verändert hat, findest du nicht?“ Ich nickte und legte meinen Kopf nachdenklich zurück auf seine Brust. „Das kann einem richtig Angst machen.“

In der letzten Stunde waren in Dauerschleife grauenvolle Bilder aus ganz Deutschland an uns vorbeigezogen: brennende Flüchtlingsunterkünfte, erwachsene Männer, die syrische Kinder anpöbeln, der Anschlag auf die neue Kölner Oberbürgermeisterin, Morddrohungen gegen ihren Leipziger Kollegen und – natürlich, die Pegida-Demo in Dresden, die in Akif Pirinçcis unfassbarer Rede, beziehungsweise im Satz „Die KZs sind ja leider derzeit aus dem Betrieb“ gipfelte.

Eine Geschichte aus Hamburg

Genau in diesem Moment musste ich an die „Braune Scheiße“ denken. In der Hoffnung, dass andere Eltern ihren Kindern ein besseres Vorbild in Nächstenliebe sind, als dieser Vater aus Hamburg, habe ich mich dazu entschieden, sie aus dem digitalen Mülleimer zu holen. Als Warnung. Vor Arschlöchern!

Kapitel 78: Braune Scheiße

An der Schule erlebt man ganz schön viel Scheiße. Manchmal auch richtig braune. Marcel Graf geht in die erste Klasse. Heute findet sein erstes Elterngespräch statt. Gemeinsam mit seinen Eltern, die etwas jünger sein müssten als ich, wartet er im Sekretariat auf Klassenlehrerin Minh-Khai Nguyen.

„Und, fühlst du dich wohl bei uns?“, frage ich den süßen Fratz, der neugierig auf das Bonbon-Glas auf der Theke starrt. „Ja, sehr“, sagt er strahlend. Da habe ich ihm schon einen Himbeerdrops in die Hand gedrückt und nehme selbst einen. Nervennahrung.

Inzwischen haben Marcels Eltern auf den beiden kleinen Stühlen links der Tür Platz genommen, die Melitta so gern als Behandlungsstühle für Kinder mit Wehwehchen nutzt. „Du hast ja auch viele Freunde gefunden.“

Er nickt. „Abasi zum Beispiel, mit dem du gestern Kreide geholt hast, mit dem verstehst du dich doch super. Ist er dein bester Freund in der Klasse?“ Stille.

Dann dreht sich der Junge kurz zu seinem Vater um und sagt dann leise: „Mit dem Abasi bin ich nicht befreundet. Der ist schwarz. Und der Papa hat gesagt, dass die Schwarzen wieder dahin gehen sollen, wo sie hergekommen sind. In den Busch!“

Irritiert blicke ich Richtung „Behandlungsstühle“. Während sich Frau Graf peinlich berührt im Raum umsieht, schaut mir Herr Graf mit einem süffisanten Grinsen direkt ins Gesicht.“

Ich fühle mich genötigt, etwas zu sagen, bevor ich vor Wut platze: „Du hast dich sicher verhört, Marcel. So etwas würde der Papa doch niemals sagen!“ Wieder Schweigen.

Herr Graf mustert mich von oben bis unten. Schließlich schüttelt er den Kopf: „Frau Steinbeck, Sie gehören doch auch zu den Frauen, die sich abends gern von notgeilen Türken auf dem Spielplatz angrapschen lassen.“

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Fest steht: Wären wir nicht an meinem Arbeitsplatz, und wäre kein Kind im Raum, würde ich diesem Arschloch sofort eine runterhauen. Stattdessen hohle ich tief Luft und versuche, freundlich zu bleiben. „Auch so etwas sollte man nicht sagen. Schon gar nicht zu einer Frau!“

Innerlich brodele ich und beiße fest auf das Bonbon in meinem Mund. Uff. Da geht die Tür auf. „Hallo, Marcel“, begrüßt Minh ihren Schüler und strahlt dann seine Eltern durch ihre Mandelaugen an. „Schön, dass Sie es geschafft haben. Wir haben auch gar nicht viel zu bereden, glaube ich.“

Während die vier das Sekretariat verlassen, möchte ich auf die Theke kotzen.

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